Tierheimtiere in der tiergestützten Pädagogik


14 Mai 2018 | Tierisch gemischt

grinzoo Userin Melanie erzählt aus dem Leben mit ihren Therapietieren

Kinder profitieren ganz besonders von Tieren. Melanie Liese-Evers von der Tierpädagogik Lemgo bietet auf ihrem Hof tiergestützte Angebote an. Die Fördermaßnahmen erstrecken sich von Reitgewöhnung / Hippotraining, über Selbstbewusstseinstraining mit dem Pferd, Lese- und Schreibförderung mit tierischer Unterstützung bis hin zur Schulung der Motorik mit Schafen und Beratung für den tiergestützen Einsatz in pädagogischen und medizinisch/ therapeutischen Einrichtungen. Das besondere an Melanies tierpädagogischen Angebot ist, dass ausschließlich Tiere aus dem Tierheim die tierischen Therapeuten sind. In einem Interview hat uns Melanie aus ihrem spannenden tierischen Alltag erzählt:

grinzoo: Liebe Melanie, wie bist du auf die tiergestützte Therapie als Berufszweig gekommen?

Melanie: Ich suchte in meiner pädagogischen Arbeit nach einer Möglichkeit die intrinsische Lern-Motivation bei Kindern und Jugendlichen anzuregen. Ich hatte selbst das große Glück mit Tieren aufzuwachsen und dabei von und mit ihnen zu lernen. Die Idee zu einer Fortbildung im Tiergestützten Arbeitsbereich kam somit nicht plötzlich, sondern „reifte“ schon länger in mir.Berichte, Forschungsergebnisse und Hospitationen gaben nach und nach den Ausschlag, dass es für mich an der Zeit war, meinen Beruf um diesen Bereich zu ergänzen.

grinzoo: Schön, dass du diese wertvollen Erlebnisse mit Tieren auch andere Menschen ermöglichst. Welche tierischen Therapeuten gehören zu deinem Team und wie sieht der Tagesablauf aus?

Melanie: Mein Team besteht zur Zeit aus 2 Hunden, 2 Pferden, 2 Schafen und 10 Hühnern mit denen ich im Tiergestützten Einsatz arbeite. Da ich nicht ausschließlich hauptberuflich in diesem Bereich arbeite, sondern mit 20 Wochenstunden als pädagogische Fachkraft an einer Grundschule angestellt bin, sowie als Dozentin arbeite, erfordert dies die Unterstützung meiner ganzen Familie. Ohne deren Unterstützung könnte ich das Arbeitspensum aus Berufstätigkeit, Familie, Versorgung und Training der Tiere nicht halten.

Pauschal lässt sich nicht beantworten, wie eine Therapieeinheit aussieht, da jeder Einsatz individuell gestaltet wird und sich an vorher vereinbarten Zielsetzung orientiert. Neben einmaligen Gruppen-Kursangeboten finden auch Einzelangebote statt. Diesen geht ein Informationsgespräch voraus, in dem Fragen gestellt, Ziele geklärt und gegebenenfalls Evaluationsbögen entwickelt werden.

grinzoo: Die Besonderheit deiner Tiere ist, dass alle aus dem Tierschutz kommen. Wie bist du darauf gekommen Tierheimtiere in der tiergestützten Pädagogik einzusetzen? Und muss man bei Tierheimtieren auf etwas ganz besonders achten?

Melanie: Die Idee kam mir durch einen Bericht über das Projekt des Lese-Hundes aus den USA. Davor war mein Bild, dass nur ausgewählte, eigens für diese Zwecke gezüchtete Tiere für therapeutisch, soziale Arbeitsbereiche geeignet sind. Dieser Bericht zeigte jedoch, dass es gerade die Tierheimhunde waren, die mit ihrer Geschichte die Herzen der Kinder berührten und insbesondere deren Fürsorge Verhalten ansprachen. 

Tiere aus dem Tierheim bringen ihre Vorgeschichten mit. Es ist empfehlenswert, die Tiere vorher ausführlich kennenzulernen und so viel wie möglich über ihre Vergangenheit zu erfahren. Dadurch kann ich abwiegen ob das Tier für den von mir vorgesehenen Arbeitsbereich geeignet ist. Trotz guter Vorbereitung muss ich damit rechnen, dass ich anfänglich mit unvorhergesehenen Verhaltensweisen, oder Krankheitsanfälligkeiten konfrontiert werde. Dadurch können gegebenenfalls  zusätzliche Kosten entstehen. Das bedeutet, dass  Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen gefragt sind. Diese sollten jedoch bei jedem Einsatz mit Tieren (egal ob Tierheimtier, oder nicht) Voraussetzung sein. Was ich an meinen Tierheimtieren so sehr schätze, ist ihr Gespür für Emotionen und Bedürfnisse, sowie ihr Einfühlungsvermögen. Diese Sensibilität ist eine Gabe, die sie durch Erfahrungen und Reife mitbringen. Meine Tiere erzählen alle eine Geschichte, die ich an die Kinder weitergebe. Viele beginnen traurig, doch alle enden sie gut. Gerade für Kinder, die selbst viel erlebt haben und Leid kennen hat dies eine besondere Bedeutung, spendet Hoffnung und Trost.

grinzoo: Das klingt nach einem tollen Teamwork zwischen dir und deinen tierischen Pädagogen. Wie garantierst du, dass es deinen Tieren immer Spaß macht? 

Melanie: Ein Tier ist keine Maschine. All diejenigen, die behaupten ein Tier im therapeutisch / pädagogischen Einsatz muss immer gleich bzw. darf nicht reagieren, hat die Grundidee der Tiergestützten Intervention nicht verstanden. Natürlich sollte sichergestellt sein, dass  z. B. ein Hund im Einsatz nicht zuschnappt, aber für mich darf er sehr wohl durch Weggehen zeigen, dass ihm etwas zu wild oder grob war. Gerade diese Reaktionen ermöglichen es doch Lernprozesse in Gang zu setzen und bieten die Gesprächsgrundlage um Verhaltensweisen zu überdenken. Welche Aussage vermitteln wir, wenn ein Tier jegliches Verhalten tolerieren und ertragen soll? Es ist Aufgabe der Fachkraft für einen harmonischen, sicheren, für Mensch und Tier stressfreien Einsatz zu sorgen. Nur dann haben alle Freude an der Arbeit. Dabei ist es unerlässlich neben dem Wohlergehen des Menschen auch immer das des Tieres im Blick zu haben. Ein Tier, das Stresssymptomatiken zeigt, sollte unverzüglich aus dem Einsatz genommen werden, auch wenn dieser noch nicht abgeschlossen ist. Ich muss mein Tier sehr gut kennen, um auf Stress- oder Krankheitssymptome eingehen zu können. Bei Tieren ist es wie bei Menschen: Es gibt Tage, da fühlen wir uns nicht gut und sind nicht in der Lage volle Leistung zu erbringen. Das ist normal und darf sein. Nur dadurch schütze ich mein Tier und schaffe Vertrauen.

grinzoo: Sehr schön. Das klingt nach einem vertrauensvollen Verhältnis zu den vierbeinigen Therapeuten. Wie reagieren die Kinder auf die tierischen Pädagogen?

Melanie: Ich habe es noch nie erlebt, dass Kinder auf Tiere nicht in irgendeiner Form positiv reagieren. Die Kinder erleben, dass sie von den Tieren so angenommen werden wie sie sind („Aschenputtel-Effekt“), ohne Vorbehalte. Oft erzählen die Kinder noch Jahre nach ihren Tier-Begegnungen von „ihrem“ Tier und können sich an jeder Einzelheit erinnern. Ein Mädchen, dem schon viel Leid angetan wurde, sagte nach einem Einsatz mit unserem Pferd „Sally“: „In seinen großen Ohren sind meine Geheimnisse so gut aufgehoben. Ich kann ihm alles erzählen und er versteht mich.“ Das hat mich sehr berührt.

 

grinzoo: Toll, dass du mit deinen Tieren Kindern so schöne Momente bescherst. Auf was sollten andere Tierbesitzer achten, wenn sie auch Tiergestützte Pädagogik anbieten möchten?

Melanie: Leider ist der Begriff der Tiergestützten Therapie nicht geschützt, was es erschwert seriöse Anbieter in diesem Bereich zu finden. Bitte achten Sie bei der Wahl ihrer Fortbildung auf seriöse Ausbildungsinstitute. Die Institute sollten ISAAT und ESAAT zertifiziert sein. Eine qualifizierte Weiterbildung in diesem Bereich erledigt sich nicht an einem Wochenende, sondern dauert Jahre. Achten sie darauf, dass die Dozenten anerkannt, in diesem Bereich bekannt und hoch qualifiziert sind. Tiergestützte Arbeitsbereiche sollten berufsbegleitend durchgeführt werden, das heißt sie ersetzen nicht eine fundierte Berufsausbildung. Vergessen Sie neben dem eigentlichen Einsatz nicht, dass sowohl Versicherungsschutz, als auch Hygienekonzepte gewährleistet sein müssen.

grinzoo: Liebe Melanie, wir danken dir für das interessante Gespräch und wünschen dir und deinen tierischen Therapeuten alles Gute für die Zukunft! Wer mehr über die Tiergestützte Pädagogik erfahren möchte, kann unter https://www.tierpaedagogik-lemgo.de mehr zu Melanies Angebot erfahren.

Hast du auch eine interessante Tierstory? Dann melde dich doch einfach bei unserer grinzoo-Redaktion als Interviewpartner. Wir freuen uns auf dein Mail an redaktion@grinzoo.com.

Fotos: Melanie Liese-Evers

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