Modetrend Qualzuchtrassen


08 Jänner 2018 | Hund

Hundebesitzer-Psychologie: Wieso Menschen sich in Qualzuchtrassen verlieben!

Die Hundezucht hat verschiedenste Hunderassen entstehen lassen. Früher war der Nutzen des Hundes als Gefährte zum Jagen, Hüten und Bewachen im Fokus, heute sind die meisten Hunde Begleithunde. Ihre Aufgabe besteht darin ein guter Begleiter und Gesellschafter zu sein. Begleithunde sind also dazu da, um als unterordnungsbereite, sozialverträgliche und liebenswerte Persönlichkeit ihre Menschen zu erfreuen. Dazu gehört auch ein süßes, besonderes Aussehen der Hunde. Und genau hier entsteht das Problem mit den Qualzuchtrassen: Das Unterbewusstsein des Menschen will genau solche Hunde mit besonderen Erscheinungsbild haben!

Hunde im Kindchen-Schema lösen Fürsorgetrieb aus

Grundlegend finden Menschen Hunde im süßen Kindchen-Schema mit großen Kulleraugen, breiten Backen und einem kurzen Schnäuzchen mit Falten besonders süß. Dieses Aussehen zieht viele Menschen regelrecht zwanghaft an, weil es den Fürsorgetrieb in uns auslöst. Durch das hilflose und babyhafte Aussehen der Modehunde baut der Besitzer eine engere Bindung und einen stärkeren Fürsorgetrieb zum Haustier auf, als bei anderen Hunderassen, vermuten Wissenschaftler in einer dänischen Studie.

Kaufmotive: Aussehen von Hunden oft wichtiger als Gesundheit

Sandøe und Kollegen von der University of Copenhagen haben außerdem die Kaufmotivation von Hundehaltern unterschiedlicher Rassen verglichen. Interessenten von Modehunden machten sich vor der Anschaffung des Hundes weniger Gedanken über deren Gesundheit. So waren der Umfrage zufolge zukünftige Besitzer von Französischen Bulldoggen hauptsächlich in das Aussehen des Hundes und deren Persönlichkeit interessiert, Chihuahua Besitzer an einen praktisch, einfach zu haltenden Hund, Halter von Cairn Terrier und Cavalier King Charles Spaniels äußerten sich dagegen öfter besorgt um die Gesundheit ihrer Wunschrasse.

Menschen übersehen Gesundheitsprobleme von Qualzuchtrassen

Viele angehende Hundebesitzer sind sich der Studie zufolge den Gesundheitsproblemen ihres Wunschtieres nicht bewusst bzw. übersehen die klinischen Symptome und betrachten diese als normale Rassemerkmale. Erst Besitzer von erkrankten Französischen Bulldoggen wurde die Tragweite der Zuchtproblematik bewusst: Der Wunsch als nächsten Hund wieder dieselbe Rasse anzuschaffen verminderte sich erst, wenn ihr Hund an Gesundheitsproblemen litt. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma scheint also Aufklärungsarbeit zu sein.

Eine kurze Übersicht zu problematischen Körpermerkmalen:

  • Kurzköpfigkeit: Brachycephale Rassen, also jene mit einer extrem flachen Schnauze, besitzen eine missgebildete Nasenhöhle und obere Atemwege. Das Brachycephale Atemnot Syndrom äußert sich durch inspiratorische Atemgeräusche bis hin zu massiven Atembeschwerden und einer damit verbundenen Hitze- und Leistungsintoleranz. Durch die geringe körperliche Belastbarkeit leiden sie auch öfter an Übergewicht. Außerdem haben sie ein erhöhtes Risiko als Folge von Passivrauchen an Lungenkrebs zu erkranken.
  • Hautfalten: Durch die Reibung der Haut und geringen Luftzirkulation in den Hautfalten kann eine immer wiederkehrende Entzündung hervorgerufen werden. Lose Kopfhaut und Hängelefzen sind häufig betroffen.
  • Glubschaugen (Exophthalmus): Das Hervortreten von Augapfel und Augenhöhle sowie zu große bzw. zu kleine Lidspalten können zu erhöhten Tränenfluss, Austrocknen der Hornhaut, Sehstörungen und chronischer Augenentzündungen führen.
  • Hängeohren: Mangelnde Luftzirkulation im Gehörgang bzw. im Gehörgang wachsende Haare begünstigen chronische Ohrentzündungen und können so auch zu Kratzverletzungen aufgrund der Schmerzen führen.
  • Fellfarbe: Nicht nur reinerbige, sondern auch mischerbige Hunde mit Merle-Farbe sind häufiger von Blind- und Taubheit betroffen. Auch Pigmentmangel, wie insbesondere weiße Tiere aufgrund Albinismus und weißlastige Schecken sind öfter taub geboren. Dalmatiner mit größeren Platten sind aber zum Beispiel dennoch zur Zucht unerwünscht. Eine weitere krankheitsanfällige Farbe ist die Verdünnung von Schwarz zu Blau. Beim „Blauen Dobermann Syndrom“ leiden die Tiere etwa an Problemen mit den Nebennieren und der Haut.
  • Haarlosigkeit: Nackthunderassen sind vermehrt von Zahnunterzahl bis hin zu Zahnlosigkeit betroffen. Das fehlende Fell erlaubt keine ordentliche Temperaturregulation bzw. führt zu einer Anfälligkeit gegen Sonnenbrand.
  • Riesen-/Zwergwuchs und sonstige Besonderheiten: Als Folge von Riesen-/Zwergwuchs und körperlichen Zuchtbesonderheiten, wie einer stark abfallenden Kruppe, leiden viele Hunde an degenerativen Gelenkskrankheiten (z.B. HD), herausgesprungenen Kniescheiben, Schwergeburt uvm. Zwerghunderassen besitzen außerdem dünnere Knochen, Schädeldecken und wenig Muskelmasse, was eine höhere Frakturanfälligkeit birgt.
  • Neurologische Symptome: Als Folge von Anomalien der Schädeldecke und der Wirbelsäule (angeborene Schwanzlosigkeit) haben betroffene Hunde oft chronische Schmerzen und neurologische Probleme.

Qualzuchten sind gesetzlich verboten!

Erlaubt sind Qualzuchten eigentlich schon lange nicht mehr. Das Deutsche Tierschutzgesetz enthält bereits seit 1985 den Paragraphen 11b, der besagt: „Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten, wenn der Züchter damit rechnen muss, dass bei der Nachzucht aufgrund vererbter Merkmale Körperteile oder Organe fehlen oder für den artgemäßen Gebrauch ungeeignet sind und dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden entstehen“. Auch in Österreich sind seit 2005 gemäß Paragraph 5 des Tierschutzgesetzes Züchtungen verboten, die für das Tier oder dessen Nachkommen mit starken Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwerer Angst verbunden sind. Geändert hat sich bisher wenig, da wie so oft alles Auslegungssache ist.

Immer mehr Hundezüchter legen heutzutage auf die Gesundheit ihrer Rassehunde mehr wert. So gibt es etwa den Mops mit Nase oder den Schäferhund mit geradem Rücken.

Bitte informiere dich vor der Anschaffung eines neuen tierischen Familienmitgliedes über mögliche rassetypische Gesundheitsprobleme und Erbkrankheiten. Falls genau eine solche Hunderasse einziehen soll, wähle den Züchter sorgsam aus, um deinem zukünftigen Hund ein langes, schmerzfreies, glückliches Leben zu ermöglichen.

Wieso hast du dich für deine Hunderasse entschieden? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!

 

Literatur:

Sandøe P., Kondrup, S. V. Bennett, P. C. Forkman, B. Meyer, I Proschowsky, H. F. Serpell, J. A. Lund T. B. (2017): Why do people buy dogs with potential welfare problems related to extreme conformation and inherited disease? A representative study of Danish owners of four small dog breeds, PLOS ONE, 25:1-25

SOMMERFELD-STUR, I. [o.J.]: Qualzucht. Gutachten. (Kurzfassung unter http://sommerfeld-stur.at/qualzucht/gutachten)

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