Image: böser Kampfhund


23 Oktober 2017 | Hund

Gefährliche Hunde - nur in unseren Köpfen?

Die einen lieben sie, die anderen fürchten sie: Wenn es um Staffordshire Bullterrier, American Staffordshire Terrier, American Pit Bull Terrier und Bullterrier geht, spalten sich die Geister. Manche schwärmen von ihrem tollen Temperament und der treuherzigen Art, andere fürchten den Mythos der unberechenbaren, aggressiven Kampfhunde. Durch das gehypte Kampfhunde-Image müssen die Hundehalter in der Öffentlichkeit gegen eine Diskriminierung ihrer Hunde kämpfen. Die grinzoo-Redaktion hat Sabriye Ö., eine Administratorin der großen Facebook-Gruppe „Kampfhunde sind eher Kampfschmuser!“ interviewt, um mehr über das Schicksal der sogenannten Kampfhunde zu erfahren.

Kampfhunde sind eher Kampfschmuser!?

Sabriye Ö. aus Schleswig-Holstein engagiert sich in dieser Gruppe, damit vermeintliche Kampfhundebesitzer die tollen Seiten ihrer Familienhunde zeigen können. „Leider werden diese Hunderassen oft in den Medien einfach als gefährlich abgestempelt und verteufelt“, so die Pit Bull-Liebhaberin. Ihre eigene Pit Bull Hündin Kira fand Sabriye bei Ebay-Kleinanzeigen. Mit dem Wunsch einem ungewollten Hundekind zu helfen, übernahm sie vor 3 Jahren die damals 4,5 Monate alte Hündin. „Die Vorbesitzerin war ein junges Mädchen, das den Junghund unüberlegt anschaffte und überfordert war!“, erzählt die ehemalige Boxerliebhaberin. Sabriye war sich bewusst, wer da ihr neues vierbeiniges Familienmitglied wurde. „Bedenken wegen des Erscheinungsbildes und einer möglichen Diskriminierung durch andere Menschen wegen der Kampfhunde-Diskussion hatte ich nicht. Sehr wohl schreckte mich aber zuerst die Rasseliste und die hohen Steuern etwas ab“, gibt sie zu.

Mehr Auflagen für Haltung von Listenhunden als durchschnittliche Hundehalter

Mit dem Begriff Kampfhund wurden ursprünglich Hunde bezeichnet, die zu Tierkämpfen gezüchtet, ausgebildet und eingesetzt wurden. Heutzutage werden als Kampfhunde Hunderassen bezeichnet, von denen angenommen wird, dass sie gefährlicher als andere sind. Entfacht wurde diese Diskussion über Kampfhunde durch einen mehrfach vorbestraften Mann, dessen Hund ein Kind tötete. Seither gibt es in Deutschland Rasselisten einiger als gefährlich geltender Hunderassen und besondere Auflagen, die jene Hundebesitzer erfüllen müssen. Diese Hundeverordnungen sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich streng ausformuliert - Deutschland ist sich also uneinig, welche Hunde aggressiver sind als andere. Manche Bundesländer verlangen eine höhere Hundesteuer, andere zusätzlich einen Wesenstest und ein polizeiliches Führungszeugnis des Hundebesitzers ohne Vorstrafen.

„Bei uns in Schleswig-Holstein wurden die besonderen Auflagen mittlerweile abgeschafft, weil die Gefährlichkeit nicht nachgewiesen werden konnte. Auch in Thüringen ist das Thema Listenhund seit kurzem abgeschafft“, berichtet die Hundebesitzerin. Wieso einige Bundesländer an den speziellen Auflagen für Kampfhunde festhalten? Sabriye vermutet, dass die dazugehörige erhöhte Hundesteuer eine lukrative zusätzliche Einnahmenquelle für manche Gemeinden sein könnte.

Erhöhte Gefahr wird weltweit diskutiert!

Das erhöhte Gefahrenpotential ist nicht nur in Deutschland Thema, sondern auch in Österreich, Großbritannien, Amerika und anderenorts. Ein Umbruch weg von der Abneigung dieser „Kampfhunderassen“ ist derzeit erfreulicherweise weltweit zu sehen. Eine aktuelle Studie der Flinders University in Südaustralien hat zum Beispiel abermals bestätigt, dass Pit Bulls nicht öfter beißen als andere Rassen. Die Hunderasse ist also keine Variable mit der Beißunfälle mit Hunden verhindert werden können. Sehr wohl spielt aber die Größe des Hundes eine Rolle. Beißunfälle durch größere Hunde wurden öfter aufgenommen. Das liegt aber daran, dass generell Verletzungen durch größere Hunde fataler sind als jene kleinerer (Slater, 2017).

Hundeführerschein für alle!

Die Pitbull-Besitzerin will diese besonderen Auflagen nicht schlecht reden. „Es wäre allerdings sinnvoller, wenn jeder Hundebesitzer deutschlandweit dieselben Anforderungen erfüllen muss. Auch kleine und als ungefährlich angesehenen Hunde können bei falscher Haltung beißen!“, plädiert Sabriye.

Sabriye beobachtet in der Facebook-Gruppe, dass sich die Kampfhundebesitzer sehr viel Mühe geben, nicht nur um alle behördlichen Auflagen zu erfüllen, sondern vor allem ihren Hunden ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Die zahlreichen Fotos bestätigen das wahre Gesicht der Kampfhunde, nämlich jenes eines „Kampfschmusers“ und Familienhundes.

Gutmütiges Wesen wird von Menschen ausgenützt!

Auffällige Personen, die ihre Hunde mit fraglichen Methoden erziehen oder tierschutzwidrig handeln, werden über den richtigen Umgang mit Hunden belehrt und gegebenenfalls aus der Gruppe verwiesen. „Nicht umsonst werden manche Hunde auffällig – was aber nahezu immer am menschlichen Part der Leine liegt“, gibt sie zu bedenken.

Sabriye würde sich jederzeit wieder einen sogenannten Kampfhund anschaffen – gerade wegen ihres gutmütigen Wesens. „Diese Hunderassen sind ihrem Besitzer gegenüber äußerst loyal. Das zeigt sich auch darin, dass der Hund alles für seinen Besitzer tun würde – nämlich sogar für ihn in den Kampf ziehen. Ihr Schicksal, dass Menschen ihr bedingungsloses Wesen negativ ausnützen ist eine andere Geschichte“, beschreibt die Pit-Bull Liebhaberin die positive Seite der Bezeichnung Kampfhund.

Vorurteile durch Aussehen der Hundebesitzer mit Kampfhund

Sabriye merkt Unterschiede, wie fremde Menschen auf der Straße auf Kira und ihre Besitzer reagieren. Ist sie selbst oder auch ihre kleine Tochter beim Hundespaziergang dabei, werden sie eher positiv aufgenommen, als wenn ihr südländisch-wirkender Mann mit der Pitbull-Hündin unterwegs ist.

Diese ungleiche Wahrnehmung bestätigt auch eine amerikanische Studie der Arizona State University, bei welcher Menschen das Auftreten von Hunden im Pit-Bull-Typ und anderer Hunderassen bewerteten. Generell zeigte sich, dass Pit-Bulls mehr negative Reaktionen als andere Hunderassen bekamen. Waren die Pit-Bulls jedoch mit einer älteren Frau oder einem Kind zu sehen, wurden die Hunde als intelligenter, freundlicher und weniger aggressiv wahrgenommen, als mit einem Mann (Gunter & Barber, 2016).

Vorurteile durch Rassebezeichnung Pit Bull, Staff & Co.

„Auch reagieren Menschen manchmal etwas eingeschüchtert, wenn sie erfahren, welche Hunderasse der liebe Vierbeiner da ist, den sie gerade gestreichelt haben“, berichtet die Hundefreundin. „Pit Bull – ist das nicht ein gefährlicher Kampfhund?“, wird oft gefragt. Dann muss Sabriye Aufklärungsarbeit leisten und die Leute unterrichten, dass dieses Image so nicht richtig ist und der Mensch aus einem Hund einen Kampfhund macht und er nicht dazu geboren wird.

Auch diese Erfahrung deckt sich wieder mit den Ergebnissen der amerikanischen Studie: Die Dauer des Aufenthaltes im Tierheim verlängerte sich teilweise auf das dreifache, wenn die Hunde mit der Rassebezeichnung Pit Bull den potentiellen neuen Besitzern vorgestellt wurden. Ohne Rassebezeichnung wurden Pit Bulls als genauso attraktiv bewertet, wie ähnlich aussehende Hunde ohne Pit Bull-DNA.

Diskriminierung geschieht nicht nur bei Kampfhunden

Kira darf den ganzen Tag mit Sabriye verbringen und auch mit zur Arbeit in die psychiatrische Tagesklinik. Die Hündin hat dort einen besonderen Stellenwert bekommen, erzählt Sabriye: „Kira hat einen positiven Einfluss auf die Klienten. Durch Körperkontakt zu Kira, aber auch ihrer puren Anwesenheit bekomme ich erfahrungsgemäß schneller einen positiven Zugang zu ihnen.“ Die Frage, ob ihre Klienten mit Angst oder Vorurteilen gegenüber der Pitbull-Hündin reagieren, verneint Sabriye sofort. „Ich bin eher vom Gegenteil überzeugt. Genauso wie Kira leiden auch die Menschen in der Psychiatrie unter Diskriminierung aufgrund ihrer Besonderheiten. Sie teilen sich also ein ähnliches Schicksal, wie der gutmütige Kampfschmuser“, gibt sie zu bedenken.

Herzenswunsch: Gleichberechtigung für alle Hunde

Anderen diskriminierten Kampfhunde-Besitzern möchte Sabriye Mut zusprechen: „Der einzig richtige Weg ist, alle Auflagen zu erfüllen und als gutes Vorbild voranzugehen. Nur so können Unwissende über den wahren Charakter der Hunde erfahren und begreifen, dass das menschliche Ende der Leine der Faktor ist, der entscheidet, wie der Hund ist.“ Ihr abschließender Herzenswunsch ist, dass alle sogenannten Kampfhunde dieselben Chancen und Pflichten haben wie jeder andere Hund auch.

Wir danken Sabriye für ihre offenen Worte zur Kampfhund-Diskussion und die privaten Einblicke in den Alltag mit ihrer Pit Bull-Hündin Kira.

Wer auch gerne der grinzoo-Redaktion für ein Interview zur Verfügung stehen möchte, kann sich unter „grinzoo sucht dich und dein Haustier“ melden. Wir freuen uns auf dich und deine Tierstory!


Literatur:

Gunter LM, Barber RT, Wynne CDL (2016) What's in a Name? Effect of Breed Perceptions & Labeling on Attractiveness, Adoptions & Length of Stay for Pit-Bull-Type Dogs. PLoS ONE 11(3): e0146857. doi:10.1371/journal.pone.0146857

Slater, E (2017) Deed or Breed? Evaluating bite reports and Breed Specific Legislation in South Australia. Flinders University, Australia. ID #2163438
 

Fotos: privat

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