Fußball-WM vorbei! Was wird aus den Straßenhunden?


23 Juli 2018 | Hund

Fußball-WM vorbei! Was wird aus den Straßenhunden?

Die Fußball-WM ist vorbei, die Fußball-Fans reisen ab und in Russland kehrt wieder Alltag ein. Auch für Russlands Straßenhunde war es eine aufregende Zeit. Die Austragungsorte der Fußballweltmeisterschaft sollten einen guten Eindruck auf die Fußball-Fans machen, deswegen wurden viele Straßenhunde eingefangen und in Auffanglager gebracht, wo sie die Zeit absitzen mussten. Die grinzoo-Redaktion hat Frau Dr. Körnig, die Vorsitzende vom Internationalen Tierschutzverein Grenzenlos e.V. mit Sitz in Schwarmstedt/Niedersachsen in Deutschland befragt, was aus den Straßenhunden wird und wie die Tierschutz-Situation derzeit in Russland ist.

grinzoo: Liebe Frau Dr. Körnig! Wie unterstützt der „Internationale Tierschutzverein Grenzenlos“ hilfsbedürftige russische Tiere?

Dr. Körnig: Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensverhältnisse von Tieren – insbes. Hunden, auch Katzen, -im europäischen Ausland zu verbessern. Grundsätzliches Credo aller Maßnahmen ist die Hilfe zur Selbsthilfe, Ziel ist eine nachhaltige und dauerhafte Verbesserung des Tierschutzes vor Ort. In Russland ist der ITV Grenzenlos ausschließlich in der Kaliningrad Region aktiv. Es gab zwischen 2015 und 2017 fünf Kastrationsaktionen in Gusev und Umgebung und 2 in Kaliningrad. Ein weiteres Kastrationsprojekt ist für August 2018 vorgesehen. Im Juli wird eine Studentin des Landwirtschaftlichen Kollegs in Gusev zu einem vierwöchigen Praktikum in eine deutsche Tierarztpraxis nach Worpswede kommen. Der ITV Grenzenlos hofft damit, das Fundament für den Tierschutz im Kaliningrad Gebiet schon mittelfristig verbessern zu können. 

grinzoo: Wie hat sich die Situation für Straßenhunde mit der Fussball-WM in Russland verändert? Und wie lebt es sich generell als (Haus)tier in Russland?

Dr. Körnig: Erstaunt und sehr gefreut hat uns während unseren Kastrationsprojekten die Empathie der russischen Menschen zu ihren Hunden. Zumindest diejenigen, die ihre Hunde kastrieren ließen, hatten eine überwiegend liebevolle Beziehung zu ihrem Tier. Ob der russische Straßenhund grundsätzlich anders als der türkische oder der rumänische lebt, vermag ich nicht zu beurteilen. Das hängt wohl von der jeweiligen Konstellation vor Ort ab. Es gibt überall Menschen, die sich um Straßentiere kümmern, und solche, die sie ablehnen und sogar töten. Viele Hunde in den Dörfern sind angekettet. 

Ausschlaggebend für unser Engagement im Kaliningrad Gebiet war ganz wesentlich die Zusage von Politik und Verwaltung, keine Straßentiere zu töten, auch nicht zur Fußball WM. Der ITV Grenzenlos war im Vorfeld seiner Aktionen mit dem Gouverneur des Kaliningrad Gebietes im Austausch und hat eine schriftliche Kooperationsvereinbarung mit der Stadt Gusev abgeschlossen und auch mit dem deutschen Generalkonsul gesprochen. In einem Workshop im August 2017 versicherte die Vorsitzende der Organisation „Recht auf Leben“, Natalia Galjas, dass auch weiterhin im Kaliningrad Gebiet keine Straßenhunde getötet werden. Außerdem sei eine Novellierung des nationalen russischen Tierschutzgesetzes in Arbeit, die ebenfalls die Tötung von Straßentieren ausschließe. Die Praxis in einigen WM – Spielorten sieht aber ganz anders aus. Man wird abwarten müssen, was jetzt nach der WM passiert.

grinzoo: Hunde wurden laut Medienberichten eingefangen und mussten die WM-Spielzeit in Auffanglagern ausharren – was wird aus ihnen?

Dr. Körnig: In der Kaliningrad Region werden weiterhin keine Straßenhunde getötet. Unklar ist die Situation bezüglich der Tiere, die vom Verein „Recht auf Leben“ kastriert und jetzt in deren Tierheimen oder öffentlichen Unterbringungsstellen leben. Sie müssten – spätestens nach der WM - zurück an ihre Herkunftsorte gebracht werden. Dagegen rührt sich aber teilweise Widerstand der Bevölkerung. Wir haben den Gouverneur in einem Schreiben nochmals an sein Versprechen erinnert und aufgefordert, keine Tötungsaktionen zu veranlassen und bei der eingeschlagenen Linie (neuter and return) zu bleiben. Über den genauen Stand der Gesetzgebung in Russland – regional und national – liegen uns derzeit keine verlässlichen Informationen vor. Über das Vorgehen anderer russischer WM – Städte gegen Streunerhunde können wir nichts sagen.

grinzoo: Im Namen aller Tierfreunde ein herzliches Dankeschön für Ihren Einsatz. Welche Besonderheiten führen dazu, dass auch Tiere mit Eigentümer von Ihrem Verein gratis kastriert werden?

Dr. Körnig: Nach unseren Erfahrungen und Erkenntnissen, speziell aus Rumänien, ist es zur Begrenzung der Hundepopulation außerordentlich wichtig, auch Besitzerhunde zu kastrieren. Diese Hunde leben gerade in ländlichen Regionen wie Gusev häufig wie Straßenhunde, sind aber gut versorgt und genährt und insofern „fortpflanzungsfähiger“ als Straßenhunde. Häufig werden auf den Bauernhöfen mehrere Hunde gefüttert, die zugelaufen sind, aber weder gechipt sind, noch einen Pass haben. Man könnte darüber diskutieren, ob das Streunerhunde oder Besitzerhunde sind. Wir haben sie gratis kastriert, weil wir so einen großen Teil der Eigentümer und damit der Tiere erreichen können. Überdies haben viele Menschen im ländlichen Raum der Kaliningrad Region nur wenig Geld zur Verfügung, z.B. eine monatliche Rente von 100 Euro. Eine Kastration zu den üblichen Konditionen kostet ca. 70 - 80 Euro. Wenn dann noch mehrere Hunde da sind, ist es finanziell unmöglich. Da aber unsere Aktionen – wie gesagt – ein Anstoß zur Selbsthilfe sein sollen, haben wir jetzt der Stadtverwaltung in Gusev und dem Landwirtschaftlichen Kolleg ein Modell vorgeschlagen, wie in Kooperation dieser Institutionen und unter Einbeziehung der örtlichen Tierärzte (die wir z.T. ausgebildet haben) die Kastrationen regelmäßig und langfristig weitergeführt werden könnten.  Dafür ist dann auch ein kleinerer Kostenbeitrag der Hundebesitzer vorgesehen.

In der Stadt Kaliningrad sind die Dinge anders: hier kam es uns darauf an, vor der WM möglichst viele Hunde zu kastrieren. Wenn das fortgeführt werden soll, muss es eine Kooperation zwischen Politik/Verwaltung und dem Verein „Recht auf Leben“ geben.

Anzumerken ist noch, dass wir an Stelle eines Kostenbeitrags für unsere Aktionen um Futterspenden gebeten hatten. Und da ist eine ganze Menge zusammengekommen.

grinzoo: Wie kann die Situation der Straßenhunde (bzw. Haustiere) in Russland nachhaltig verbessert werden?

Dr. Körnig: In Russland wie auch in einigen Ländern der EU muss Tierschutz als öffentliche Aufgabe anerkannt werden. Es muss die Einsicht kommen, dass Tiere Geschöpfe mit Recht auf Leben sind und dass groß angelegte Tötungsaktionen von Straßenhunden nicht zum Ziel einer dauerhaften Begrenzung der Hundepopulation führen.  Zur Vermittlung dieser Zusammenhänge wird auch der Auslandstierschutz weiterhin einen Beitrag leisten müssen. Es muss öffentliches Geld für Tierschutz in Russland zur Verfügung gestellt werden, z.B. zur Errichtung und zum Betrieb eines funktionsfähigen Systems von Tierheimen. Es sollten sich private Tierschutzvereine in Russland bilden und Aufgaben des Tierschutzes übernehmen. Das ist bislang ziemlich unbekannt. Kurzfristige Lösungen wird es in Russland ebenso wenig geben wie in Rumänien, Bulgarien oder der Türkei.

grinzoo: Liebe Frau Dr. Körnig! Vielen Dank für das Interview und Ihnen und dem restlichen Team vom Internationalen Tierschutzverein Grenzenlos e.V. viel Erfolg beim Vorantreiben des Tierschutzes in Russland. Wer helfen möchte, kann sich gerne an den Verein mit einer Sach- oder Geldspende wenden!

Fotos: Internationaler Tierschutzverein Grenzenlos e.V.

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